Geschichten von der Kotza del Sol

von Viddhi Sigismund Patz

Selbst der schönste Winterkoller ....

Wenn Du glaubst, das Kieler Scharmützelwetter hat Dich soweit, dass nicht nur alle Hoffnung hinter den grauen Wolkenungetümen zusammen mit dem Flammenball abgesoffen sind, sondern Du darüber hinaus Dich ermattet und entkräftet, auf Krötenhöhe abgesackt, schon ins finale Abflussrohr gesaugt fühlst, Dein Riechkolben bereits in der fiesen Modderpampe steckt – dann, gerade dann können Wunder geschehen. Plötzlich ist da dieser Anruf aus einer anderen Welt: “Was, schon Monate Pieselwetter? Lebensbedrohlicher Lichtmangel? Wieso – hier scheint doch pausenlos die Sonne. Schon zu warm für den Frühling!”. Verdammt, das gibt`s doch nicht! Und kaum Patte?!?

“Na und! Hier steht ein vollgestaubtes Atelier, ungenutzt im Altenteil von Torremolinos herum – ich fang schon mal an, aufzuräumen. Höhere Kräfte müssen Simones Freundin Sofia entscheidende Rettungsinstruktionen eingegeben haben, und als Simone schon einen Tag später mit einem günstigen Last-Minute-Ticket vor meinen erstaunten Augen herumwedelt, kribbelt es zum ersten mal seit endlosen Ewigkeiten wieder im tumben Hirn. Die Millionärsbrause kehrt in die Blutbahn zurück. Jupiter grient mich gütig an, als hätte er sich nie von seinem Platz gerührt. Ich murmle ergriffen: “Herr, Du lässt mich wandern aus düstrem Tal auf Deine grüne Aue”. Nun soll ich aus dem Stand meine Siebensachen in den Rucksack schütten. Erste dramatische Momente bahnen sich an. Benebelt volltrottelig muss ich feststellen, dass ich völlig unfähig bin, zielgerichtet und sinnvoll irgendetwas zusammenzupacken. Ich fühl` mich wie angepilzt, weit entfernt davon, locker zum großen Sprung anzusetzen. In zwei Tagen schon soll ich kleiner Mensch mit dem großen Silbervogel aus der Misere abheben – unvorstellbar. Ich muss mich sammeln, muss mir sagen: “Nimm diesmal nur das Nötigste mit in die geheimnisvolle Fremde, Gringo! Deine Lumpen werden gnadenlos schwer. Die Zunge hängt lang unter sengender Sonne im staubigen El Andalus. Warum gibt es für dich nur die zwei Extreme – den starken Wanja auf der Ofenbank zu machen oder aufwendig die Wunder der Welt zu erforschen, und seien es Expeditionen in die dänische Südsee. Kannst Du denn nicht einmal, wenigestens einmal, zusammen mit schwitzenden Fettärschen relaxed auf der Strandliege abhängen, entspannt einen Longdrink aus Pedros Affenpfote entgegennehmen, hin und wieder das Sonnenglasgestänge vom eingeölten Näschen gleiten lassen, um Deinen Löwenblick wohlwollend auf den vollschlanken Landestöchtern ruhen zu lassen?” Als wir uns nach mehrstündiger ermüdender Zugreise in Hannover aus den Sitzkissen hieven wollen, um dort den bereitstehenden Flugvogel zu besteigen, erleide ich einen ersten Schwäche- und Schweißausbruch beim Versuch, mein umfangreiches Expeditionsgepäck irgendwie an den Mann zu bringen. Erste Flüche über die endlosen Strapazen eines in zu viele Wissensgebiete ausufernden Forscherlebens müssen seufzend unterdrückt werden, um Kräfte zu sparen.


...hält einem kleinen Wunder nicht stand ... oder wir heben ab

Während des Fluges fühle ich mich, wie meistens bei dieser Gelegenheit, der Erdanziehungskraft komplett entrückt und hebe auch innerlich gleich mit ab. Alle Phänomene und Wunder unseres blauen Überraschungseis tauchen hier oben, im Grenzbereich der stofflich gebundenen Darstellungsfähigkeit, als ebenso prächtige wie flüchtige Huschbilder wieder auf. Grand Canyon, ewiges Polareis, Himalaya, und selbst irdische Jammertäler werden zur Kurzweil einiger weniger Fans an den Fensterplätzen durch den göttlichen Seifenblasen- und Schaumschlägerdienst als Gratisaugenschmaus angerichtet. Mit dem Überfliegen der spanischen Grenze dann nur noch ewiges Himmelsblau, alle größeren Flüsse schimmern als sich bis hinter alle Horizonte windende Glitzerschlangen herauf. Monoton braun und gelb das Flachland um Madrid, und endlich irgendwann der Beginn des andalusischen Berglandes, von hier oben wie auf einer dreidimensionalen Landkarte zu betrachten. Die Bergspitzen graubraun, aus Plastelin geformt und angemalt vom Riesenbergbaukommittee. Grenzenloses Staunen über diese Welt, wie sie doch schick zusammenkomponiert ist. Grüne, gelbe und braune Felder schmiegen sich in den Ebenen und Tälern harmonisch beiderseits der Rios, ziehen sich zusammen mit Obstplantagen und Weinstöcken hangaufwärts, um endlich in einen aus Pinien, Stein- und Korkeichen, wilden Lorbeer- und Erdbeerbäumen bestehenden Bergwald überzugehen, welcher bis zum nackten Fels reicht - dort, wo nur noch Adler und Geier kreisen und wilde Bergziegen und Steinböcke waghalsig von Fels zu Fels springen. Und wenn ein Zicklein wirklich mal ... Ach, hol`s doch der Geier.

Zuletzt folgt unser brummender Eisenvogel den tief in die Sierras um Malaga eingeschnittenen Barancas, und die Geburtsstadt Picassos in einer phantastisch bizarren Rundum-Felskulisse plaziert, taucht plötzlich auf der Bühne des Reisetheaters auf.


... und landen im ewigen Frühling.

Routinierte Landung von Käpt`n Petersen, und der Zauber der Lüfte ist im Nu verflogen. Wir schleppen uns müde aus der keinen Mühle der Berlin Air, das Mar Mediterráneo blinkt verheißungsvoll in der Abendsonne, Radio Olé schmettert erste fiebrige Flamenco-Rhythmen durch den Äther, während wir vor dem wuseligen, im Sekundentakt durch Taxen und andere Kutschen angefahrenen Flughafenausgang auf Sofia in ihrer spanischen Wartburg-Variante warten. Ein dicker, gepanzerter Mercedes hält gegenüber, und eine entsprechend körperlich gestaltete Machtbeule entquält sich behäbig der Karosse. Sofort wieseln ein Haufen Leibwächter in weitem Kreis um ihn herum, wittern, sichern, wie Spürhunde auf Fuchsjagd. Da ich keine Kameras sehe, wird also keine Mafiaschnulze gedreht – die Szene ist echt. Ich denke sofort an die E.T.A., die neuerdings auch Malaga und anderer Touristenschnarchburgen an der Küste mit kostenlosen Feuerwerksvorführungen beglückt. Ich gaffe einige der Plautzenguards verwegen und mit scharfem, herausforderndem Blick an, versuche mich verdächtig und geheimnisvoll zu bewegen. Sie gähnen und verrichten routiniert-geschmeidig ihr Geschäft. Vielleicht bin ich einfach zu müde nach der langen Anreise und komme ihnen nicht spanisch genug vor. Sofia saust widdergerecht-schwungvoll und zielstrebig in ihrem Kleinwagen heran, gröhlt noch aus der fahrenden Kiste, sie dürfe hier höchstens drei Sekunden halten, parkt direkt vis-a-vis der Staats-Schaluppe, entspringt hastig ihrer Gurke, zack – Kofferraum auf, schmeiß rein den Müll. Wir quetschen uns eiligst auf die anderthalb Quadratmeter Sitzfläche. Schon röhrt der Motor auf, die Turbodämonen reißen uns vom Sitz, pressen uns schlagartig gegen die Kopflehnen, ähnlich wie beim Düsenjetstart in Hannover. Mit ganzer Kraft wende ich ruckartig den Kopf seitwärts, um zu sehen, ob die Pistoleros schon auf uns ballern. Ich denke, die müssen unsere Kamikaze-Abfahrt einfach für ein Attentatsversuch halten, das müssen die einfach! Diesmal gähnt ein anderer Kollege zum Abschied. Auch egal, von null auf hundert befinden wir uns plötzlich in aberwitziger Schussfahrt im quirligen, brodelnden Verkehrschaos von Malaga, um Richtung Torremolinos zu dröhnen.

 

 

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